
Symptome eines MS-Schubes erkennen
Vielleicht war es bei Dir auch so: Deine Multiple Sklerose (MS) hat sich zuerst durch einen Schub gezeigt – so, wie es bei einem Großteil der Betroffenen der Fall ist. Mit welchen ersten Symptomen ein solcher Schub einhergeht, kann allerdings, wie so vieles bei der MS, stark variieren. Entscheidend dafür ist die Stelle des zentralen Nervensystems (ZNS), an der die Entzündung auftritt – der sogenannte MS-Herd. Zudem spielt es eine Rolle, wie stark die Nerven beeinträchtigt sind. Zu den häufigsten Symptomen eines MS-Schubes gehören:
- Sensibilitätsstörungen: brennende, kribbelnde Gefühle in Armen und Beinen
- Motorische Schwierigkeiten: verringerte Bewegungsfähigkeit, erschwerte Koordination
- Sehstörungen: Doppelbilder, verschwommenes Sehen, ruckartige Augenbewegungen
- Fatigue: umfassende Energielosigkeit oder schnelle Ermüdbarkeit
- Inkontinenz: Harn- und Stuhlinkontinenz, aber auch eine Reizblase
Meist ist dabei es zunächst so, dass die Symptome sich über einen längeren Zeitraum entwickeln und dann wieder zurückbilden.
MS-Schub oder nicht? – Das sind die Kriterien
Um einen tatsächlichen Schub von kurzen, neurologischen Verschlechterungen unterscheiden zu können, haben Mediziner verschiedene Kriterien festgelegt:
- Ein Schub bei MS ist gekennzeichnet durch das Auftreten neurologischer Beschwerden, die über mindestens 24 Stunden hinweg anhalten.
- Diese Symptome dürfen nicht durch eine Erhöhung der Körpertemperatur, etwa aufgrund von Fieber/Infektionen, verursacht werden.
- Es müssen mindestens 30 aufeinanderfolgende Tage zwischen zwei Schüben vergehen, um von einem neuen Schub ausgehen zu können.
Hinter der Festlegung eines definierten zeitlichen Abstandes zwischen zwei Schüben steht eine wichtige Erkenntnis zu den zugrundeliegenden Entzündungsprozessen: Ein MS-Schub klingt bei den meisten Betroffenen vollkommen ab, bevor ein neuer entstehen kann. Mit der 30-Tage-Frist stellen Mediziner sicher, dass sie einen Schub von einem vorherigen abgrenzen können.
Nach einem akuten, klinischen Schub können Monate oder Jahre vergehen, bis es erneut zu einer Schubaktivität kommt. Bei einem schubförmigen MS-Verlauf gilt: Je länger der zeitliche Abstand, desto besser – denn dies deutet darauf hin, dass die MS günstig verläuft. Auch zahlreiche moderne MS-Therapien zielen unter anderem darauf ab, die schubfreien Phasen zu verlängern.
MS-Verlaufsformen mit oder ohne Schübe
Mediziner definieren drei Verlaufsformen der MS – die Schubaktivität ist dabei ein wichtiges Unterscheidungskriterium:
- schubförmig-remittierender Verlauf (RRMS)
- sekundär chronisch-progredienter Verlauf (SPMS)
- primär chronisch-progredienter Verlauf (PPMS; auch schleichend-fortschreitender Verlauf genannt)
Vor allem in frühen Erkrankungsstadien nimmt die MS häufig (in rund 85 % der Fälle) einen schubförmig-remittierenden Verlauf. Remittierend bedeutet dabei „vorübergehend nachlassend“. Nach rund 10 bis 15 Jahren kann dazu kommen, dass die Betroffenen immer weniger Schübe erfahren – ihre schubförmige MS geht in einen sekundär chronisch-progredienten Verlauf über.
Der Unterschied: Beschwerden oder Einschränkungen, die durch einen Schub ausgelöst wurden, gehen dann nicht mehr zurück. Stattdessen nehmen sie mit jedem nächsten Schub weiter zu. Wann genau der Übergang von einem Verlauf in den anderen stattfindet, ist bei jedem MS-Erkrankten verschieden. Lass Dich davon allerdings nicht entmutigen! Dank moderner MS-Therapien gibt es heute Möglichkeiten, diesen Zeitpunkt hinauszuzögern.
Anders verhält es sich bei der primär chronisch-progredienten MS, die gar nicht oder nur sehr selten mit Schüben einhergeht und die von Anfang an fortschreitend verläuft. Nur etwa 10 Prozent aller Betroffenen haben eine PPMS – am häufigsten davon betroffen sind ältere Patienten, die erst nach ihrem 40. Lebensjahr erkranken.
Schubtherapie: So wird der akute MS-Schub behandelt
Die Schubtherapie ist eine wichtige Säule der MS-Behandlung. Ziel dabei ist es, die akuten Beschwerden schnell und effektiv einzudämmen. Meist wird dafür zunächst hochdosiertes Kortison eingesetzt. Dieses bekämpft die Entzündung, wodurch auch die Beschwerden zurückgehen. Bringt die Kortison-Behandlung keine ausreichende Besserung, kann sie mit einer höheren Dosis wiederholt werden.
Wird auch damit nicht der gewünschte Effekt erzielt, können Mediziner auf die „Blutwäsche“-Verfahren der Plasmapherese oder Immunadsorption zurückgreifen: Dabei wird den Patienten zunächst Blut entnommen und das Plasma daraus entweder gereinigt oder durch eine spezielle Lösung ersetzt, bevor es in den Körper zurückgeleitet wird. Beide Behandlungen kommen nur bei schweren, akuten Schüben zum Einsatz.
Verlaufsmodifizierende Therapie: Neue MS-Schübe und ein Fortschreiten der Krankheit verhindern
Die Ursachen der MS sind bis heute nicht vollständig erforscht – eine Schlüsselrolle scheint jedoch eine fehlgeleitete Reaktion des Immunsystems zu spielen. Bei schubförmiger MS sind deswegen neben der Behandlung akuter Schübe sogenannte verlaufsmodifizierende Therapien ein wesentlicher Bestandteil. Diese können das Immunsystem direkt beeinflussen, indem sie es unterdrücken (supprimieren) oder verändern (modulieren) und werden deswegen auch als Immuntherapien bezeichnet. Sie verfolgen das Ziel, neue Schübe und ein Fortschreiten der MS zu verzögern bzw. zu verhindern.
Dabei unterscheidet man zwischen Dauertherapien mit aktiver, dauerhafter Behandlung und sogenannten Impulstherapien, die an wenigen Tage im Jahr eingenommen/verabreicht werden und dennoch eine über den Einnahmezeitraum hinaus anhaltende Wirkung zeigen.
Leben mit MS-Schüben: Weitere Unterstützung und hilfreiche Tipps
Neben Schub- und verlaufsmodifizierenden Therapien können weitere medikamentöse oder nichtmedikamentöse Behandlungsformen dazu beitragen, MS-Symptome zu lindern. Dazu zählen etwa Physiotherapie, Ergotherapie oder psychologische Unterstützung.
Auch die Lebensweise spielt bei MS eine wichtige Rolle. Eine gesunde, antientzündliche Ernährungsweise, ausreichend Bewegung sowie genügend Schlaf können ebenso förderlich sein wie Stressmanagement-Techniken, etwa Meditation oder Yoga. Und nicht zuletzt hilft vielen Menschen mit MS der Austausch mit anderen Betroffenen. Nicht nur bei Schüben, sondern immer im Leben mit MS gilt deswegen: Höre auf Deinen Körper und suche Dir Hilfe und Unterstützung, wenn Du sie benötigst – etwa bei Deinem Arzt, Deiner MS-Nurse oder der Community.
Welche Erfahrungen hast Du denn bereits mit Schüben gemacht – wie macht sich ein Schub bei Dir bemerkbar und wie gehst Du damit um? Schreib es uns gern – zum Beispiel auf unseren Social-Media-Kanälen bei Facebook oder Instagram.
NONNI-00846, Stand 01/2025