Umstellung des MS-Medikaments

MS ist eine chronische Erkrankung, ein lebenslanger Begleiter. Dies gilt meist auch für die MS-Therapie. Doch nicht immer bleibt es bei ein- und demselben Medikament. Ob nachlassende Wirksamkeit oder eine schlechte Verträglichkeit – es gibt verschiedene Gründe, die einen Therapiewechsel erforderlich machen können. Die gute Nachricht: Heutzutage bestehen diverse Möglichkeiten, die Behandlung anzupassen und zu optimieren.

MS-Medikamente im Wandel der Zeit

Noch vor drei Jahrzehnten sah dies ganz anders aus: Damals gab es überhaupt keine zielgerichtete MS-Therapie. Es war ein Meilenstein, als Mitte der 1990er Jahre das erste Beta-Interferon speziell zur Behandlung von schubförmiger MS zugelassen wurde. Es folgten stetig neue Erkenntnisse zu Entstehung und Verlauf der MS, Anpassungen der Therapieziele und die Entwicklung neuer und effektiverer Medikamente.

Mittlerweile gibt es für die Immuntherapie bei MS fast 20 verschiedene Wirkstoffe in unterschiedlichen Darreichungsformen und Einnahmevarianten. In der untenstehenden Tabelle haben wir Dir diese einmal zusammengestellt. Du wirst auf den ersten Blick erkennen, wie vielfältig die Therapielandschaft heutzutage ist – und dies spiegelt sich in den Möglichkeiten für einen Therapiewechsel wider.

Indikation 1. Jahr 2. Jahr 3. Jahr 4. Jahr (als Schaltjahr angenommen)
Cladribin-Tabletten
4-5 Tage in 1. und 5. Woche, jeweils im 1. und 2. Jahr 1 x täglich
Hochaktive RMS, rSPMS x 8-20 x 8-20 Einnahmefreie Phase Einnahmefreie Phase
Dimethylfumarat
2 x täglich
RRMS x 730 x 730 x 730 x 732
Diroximelfumarat
Woche 1: 2 x 1 täglich
Ab Woche 2: 2 x 2 täglich
RRMS x 1.446 x 1.460 x 1.460 x 1.464
Fingolimod
1x täglich
Hochaktive RRMS x 365 x 365 x 365 x 366
Ozanimod
1x täglich
RRMS mit aktiver Erkrankung x 365 x 365 x 365 x 366
Ponesimod
1x täglich
RMS mit aktiver Erkrankung x 365 x 365 x 365 x 366
Siponimod
1x täglich
SPMS mit Krankheitsaktivität x 365 x 365 x 365 x 366
Teriflunomid
1x täglich
RRMS x 365 x 365 x 365 x 366
Alemtuzumab
5 Tage im 1. Jahr
3 Tage im 2. Jahr
(12 Monate nach 1. Behandlung)
1 x täglich
Hochaktive RRMS mit aktiver Erkrankung x 5 x 3 Einnahmefreie Phase* Einnahmefreie Phase*
Natalizumab**
1x Pro Monat
Hochaktive RRMS mit aktiver Erkrankung x 12 x 12 x 12 x 12
Ocrelizumab
Initial je 1 Infusion in 1. und 3. Woche, danach alle 6 Monate
RMS mit aktiver Erkrankung, PPMS, rSPMS x 3 x 2 x 2 x 2
Ublituximab
Initial 1 Infusion in Woche 1 und 3, danach alle 24 Wochen
RMS mit aktiver Erkrankung x 4 x 2 x 2 x 2
Glatirameracetat
Fertigspritze zur subkutanen Injektion
20 mg/l: 1 x täglich
40 mg/l : 3 x pro Woche
(mind. 48 h Abstand)
RRMS x 365/156 x 365/156 x 365/156 x 366/156
Interferon beta 1-a
Subkutane Injektion
3 x pro Woche
CIS, RRMS, rSPMS x 156 x 156 x 156 x 156
Interferon beta 1-a
Intramuskuläre Injektion
1 x pro Woche
CIS, RRMS x 52 x 52 x 52 x 52
Interferon beta 1-b
Subkutane Injektion
Alle 2 Tage
CIS, RRMS, rSPMS x 183 x 183 x 183 x 183
Ofatumumab
Lösung zur subkutanen Injektion
Erste 3 Wochen: 1 x pro Woche
Ab 4. Woche: 1 x pro Monat
RMS mit aktiver Erkrankung, rSMPS x 15 x 12 x 12 x 12
Peginterferon beta 1-a
Subkutane Injektion
Alle 2 Wochen
RRMS x 26 x 26 x 26 x 26

CIS: Klinisch isoliertes Syndrom (Clinically Isolated Syndrom)
RMS: Schubförmige Multiple Sklerose (Relapsing Multiple Sklerosis)
RRMS: Schubförmige remittierende Multiple Sklerose (Relapsing Remitting Multiple Sklerosis)
rSMPS: Sekundär progrediente Multiple Sklerose mit aufgesetzten Schüben (Relapsing Secondary Progressive Multiple Sklerose)
PPMS: Primär progrediente Multiple Sklerose (Primary Progressive Multiple Sklerosis)

* Bis zu zwei zusätzliche Behandlungsphasen können nach Bedarf in Betracht gezogen werden.
** Unterschiedliche Injektionsarten: intravenös (Infusion) oder subkutan (unter die Haut).

MS-Medikamente: Welche Kategorien gibt es?

Die verschiedenen Optionen der Immuntherapie bei schubförmiger MS können dabei in 3 verschiedenen Wirksamkeitskategorien eingeteilt werden, gemessen an der Verringerung der Schubrate in den jeweiligen Zulassungsstudien.

  • Kategorie 1: Beta-Interferone, Dimethylfumarat/Diroximelfumarat, Glatirameroide, Teriflunomid
  • Kategorie 2: Cladribin, Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod
  • Kategorie 3: u. a. Alemtuzumab, Ocrelizumab, Natalizumab, Ofatumumab, Ublituximab

Diese Einteilung in Kategorien ist teilweise zwar stark vereinfacht, da die Medikamente nicht direkt miteinander verglichen und die Wirkung auf Behinderungsprogression, Fatigue und Kognition nicht betrachtet wurden. Sie geben aber eine erste Orientierung.

Therapiewechsel in Hinblick auf die Behandlungsstrategie

Welcher Wirkstoff aus welcher Kategorie eingesetzt wird, richtet sich unter anderem nach der Verlaufsform der MS und der Krankheitsaktivität, dem Nebenwirkungs- und dem Patientenprofil. Auch die Therapiestrategie spielt eine Rolle: Analog zu den Wirkstoffkategorien haben sich bis heute zwei verschiedene Therapiestrategien herauskristallisiert.

  • Treat to target: Hierbei werden am Beginn der Therapie moderat wirksame Substanzen eingesetzt, sofern keine hochaktive Verlaufsform vorliegt. Bei einem Voranschreiten der MS wird dann auf eine höhere Wirksamkeitskategorie eskaliert. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Basis- und Eskalationstherapien. Der Treat-to-target-Ansatz beinhaltet demnach von Anfang an die zumindest perspektivische Option eines Therapiewechsels. Ein Wechsel innerhalb der Wirksamkeitskategorie 1 (der Basistherapien) wird hingegen nur in Einzelfällen empfohlen.
  • Hit hard and early: Bei diesem Ansatz wird von Anfang an mit hochwirksamen Medikamenten behandelt, um ein Voranschreiten der MS möglichst effektiv zu verhindern. Doch auch innerhalb dieser Kategorie kann mitunter ein Therapiewechsel notwendig oder sinnvoll sein. Die häufigsten Gründe dafür haben wir hier für Dich zusammengefasst – ebenso wie die wichtigsten Aspekte, die bei einem Wechsel berücksichtigt werden müssen. Denn: Nicht immer ist dieser problemlos möglich und es kann auch nicht beliebig zwischen den Wirkstoffen hin- und hergewechselt werden.

Tabletten, Spritzen oder Infusionen bei MS, Impuls- oder Dauertherapie: Welche Möglichkeiten gibt es?

Neben der Eskalation auf eine höhere Wirksamkeitskategorie gibt es noch weitere Möglichkeiten des Wechsels. Zwar stehen Wirksamkeit und Sicherheit bei jeder Therapieentscheidung an erster Stelle, doch auch individuelle Vorlieben können eine Rolle spielen – etwa in Hinblick auf die Darreichungsform und die Anwendungshäufigkeit. Auch diese kannst Du in der obenstehenden Tabelle erkennen.

  • Wechsel der Darreichungsform: Im Bereich der verlaufsmodifizierenden MS-Therapie gibt es drei Anwendungsformen: Tabletten/Kapseln, Spritzen (unter die Haut oder in den Muskel) oder Infusionen (intravenös). Jeder Wirkstoff steht dabei nur in einer bestimmten Darreichungsform zur Verfügung. Kommt eine davon nicht in Frage oder ist nicht gewünscht, sollte dies in die Überlegungen der Therapieentscheidung einfließen – auch bei einem Therapiewechsel.
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  • Wechsel der Anwendungshäufigkeit: Die große Bandbreite verschiedener Medikamente bringt auch erhebliche Unterschiede in Hinblick auf die Frequenz mit sich. Während einige Medikamente langfristig und regelmäßig eingenommen werden müssen (Dauertherapie), werden andere nur vorübergehend angewendet, gefolgt von einer einnahmefreien Zeit (Impulstherapie). Wenn ein Therapiewechsel erwogen wird, ist demnach auch die Häufigkeit ein relevanter Aspekt.

Das MS-Medikament wechseln – sprich mit Deinem Arzt

Du bist nicht zufrieden mit Deiner aktuellen MS-Therapie? Hast du vielleicht Nebenwirkungen bemerkt oder Probleme, Deine Medikamente regelmäßig einzunehmen? In diesen Fällen solltest Du auf jeden Fall mit Deinem Arzt offen darüber sprechen. Er kann am besten abschätzen, ob ein Therapiewechsel sinnvoll sein könnte und welche Möglichkeiten für Dich in Frage kommen.

Hast Du vielleicht selbst schon einen Therapiewechsel hinter dir? Dann freuen wir uns, wenn Du Deine Erfahrungen damit mit uns teilst – etwa auf Facebook oder Instagram.

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